Ein Online-Händler, der Dünger bisher nur in seinem Heimatland verkauft und nun in andere EU-Märkte expandieren will, wird schnell feststellen: Derselbe Sack Dünger kann mit 0 Prozent oder mit 27 Prozent Mehrwertsteuer belastet sein. Es kommt darauf an, wohin er geliefert wird, woraus er besteht und manchmal sogar, wie groß der Sack ist.
Sobald die Verkäufe an Privatkunden im EU-Ausland 10.000 Euro im Jahr übersteigen, gilt der Steuersatz des Ziellandes, gemeldet über das OSS-Verfahren. Diese Erfahrung machen vor allem spezialisierte Online-Händler, etwa für Bio-Dünger, Rasenpflege, Orchideen oder Hydroponik, Düngerhersteller mit eigenem Webshop und Händler auf Marktplätzen wie Amazon oder eBay.
Dazu kommt ein Stichtag: Ab 2032 dürfen EU-Staaten chemische Dünger nicht mehr ermäßigt besteuern. In Teil 1 unserer Reihe zur Mehrwertsteuer auf Gartenartikel geht es um Dünger. Teil 2 behandelt Blumenerde, Saatgut und Pflanzen.
Warum ist Dünger bei der Mehrwertsteuer so kompliziert?
Im Alltag ist Dünger alles, was Pflanzen ernährt oder den Boden verbessert: Mineraldünger wie Harnstoff, Blaukorn oder NPK-Volldünger, organische Dünger wie Stallmist, Kompost oder Hornspäne, organisch-mineralische Mischungen, Kalkdünger, Substrate und Blumenerde. Blumenerde, Torf und Substrate gehören im Zolltarif aber nicht zu den Düngern und werden steuerlich eigenständig behandelt. Sie sind Thema von Teil 2.
Für die Umsatzsteuer zählt aber nicht der Alltagsbegriff. Viele EU-Staaten orientieren sich am Zolltarif. Dort steht Dünger in Kapitel 31 und wird nach seiner Herkunft getrennt: tierische und pflanzliche Dünger wie Hornspäne oder Kompost in Position 3101, mineralische und chemische Dünger in den Positionen 3102 bis 3105. Andere Staaten ignorieren den Zolltarif bewusst und arbeiten mit eigenen Kriterien. Frankreich fragt zum Beispiel, ob ein Produkt im Ökolandbau eingesetzt werden darf, Irland schaut auf die Packungsgröße.
Das Ergebnis: Derselbe Artikel kann in einem Land ermäßigt sein und im Nachbarland nicht, obwohl er an der Grenze dieselbe Zolltarifnummer trägt.
Mehrwertsteuer auf Dünger in der EU: fünf Logiken
Die EU-Staaten lassen sich fünf Grundmustern zuordnen. Wer Dünger EU-weit verkauft, muss für jedes Zielland zuerst wissen, welchem Muster es folgt, und erst dann den Satz.
| Logik | Was entscheidet über den Satz | Länder |
|---|---|---|
| 1. Enge Zolltarif-Orientierung | Nur tierische oder pflanzliche Dünger (Position 3101) sind ermäßigt, Mineraldünger nicht | Deutschland, Österreich |
| 2. Breite Ermäßigung | Dünger insgesamt, mineralisch wie organisch, teils nach Zolltarif, teils nach eigenem Düngemittelrecht | Belgien, Griechenland, Italien, Kroatien, Luxemburg, Polen, Portugal, Rumänien, Slowenien, Spanien, Zypern |
| 3. Öko-Kriterium | Ob das Produkt im ökologischen Landbau eingesetzt werden darf | Frankreich |
| 4. Keine Ermäßigung | Dünger wird wie jede andere Ware voll besteuert | Bulgarien, Dänemark, Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Malta, Niederlande, Schweden, Slowakei, Tschechien, Ungarn sowie das Vereinigte Königreich |
| 5. Sonderfall | Die Packungsgröße | Irland |
Mehrwertsteuersätze für Dünger in allen EU-Ländern
Stand September 2026:
| Land | Ermäßigter Satz für Dünger | Satz für nicht begünstigte Dünger | Logik |
|---|---|---|---|
| Belgien | 6 % | 21 % | 2. Breite Ermäßigung |
| Bulgarien | – | 20 % | 4. Keine Ermäßigung |
| Dänemark | – | 25 % | 4. Keine Ermäßigung |
| Deutschland | 7 % | 19 % | 1. Zolltarif |
| Estland | – | 24 % | 4. Keine Ermäßigung |
| Finnland | – | 25,5 % | 4. Keine Ermäßigung |
| Frankreich | 10 % | 20 % | 3. Öko-Kriterium |
| Griechenland | 6 % | – | 2. Breite Ermäßigung |
| Irland | 0 % | 23 % | 5. Sonderfall |
| Italien | 4 % | 22 % | 2. Breite Ermäßigung |
| Kroatien | 5 % | – | 2. Breite Ermäßigung |
| Lettland | – | 21 % | 4. Keine Ermäßigung |
| Litauen | – | 21 % | 4. Keine Ermäßigung |
| Luxemburg | 3 % | 17 % | 2. Breite Ermäßigung |
| Malta | – | 18 % | 4. Keine Ermäßigung |
| Niederlande | – | 21 % | 4. Keine Ermäßigung |
| Österreich | 13 % | 20 % | 1. Zolltarif |
| Polen | 8 % | 23 % | 2. Breite Ermäßigung |
| Portugal | 6 % | 23 % | 2. Breite Ermäßigung |
| Rumänien | 11 % | 21 % | 2. Breite Ermäßigung |
| Schweden | – | 25 % | 4. Keine Ermäßigung |
| Slowakei | – | 23 % | 4. Keine Ermäßigung |
| Slowenien | 9,5 % | 22 % | 2. Breite Ermäßigung |
| Spanien | 10 % | 21 % | 2. Breite Ermäßigung |
| Tschechien | – | 21 % | 4. Keine Ermäßigung |
| Ungarn | – | 27 % | 4. Keine Ermäßigung |
| Zypern | 5 % | – | 2. Breite Ermäßigung |
| Vereinigtes Königreich (Nicht-EU) | – | 20 % | 4. Keine Ermäßigung |
Die erste Spalte zeigt den ermäßigten Satz, den ein Land für Dünger vorsieht. Die zweite zeigt, welcher Satz für Dünger gilt, die nicht unter die Ermäßigung fallen. Ein Strich in der zweiten Spalte bedeutet, dass das Land Dünger durchgehend ermäßigt. Ob ein einzelnes Produkt ermäßigt ist, hängt von seiner Zusammensetzung und von der Logik des Ziellandes ab. Die Einstufung auf Artikelebene für alle EU-Staaten übernimmt die eClear USt-Klassifizierung.
Was die Logiken in der Praxis bedeuten
Frankreich: Entscheidend ist die Öko-Zulassung
Frankreich besteuert Dünger mit 10 statt 20 Prozent, wenn das Produkt im ökologischen Landbau verwendet werden darf. Bei organischen Düngern wie Hornspänen, Kompost oder Stallmist liegt das nahe, ist aber nicht automatisch der Fall. Ob Hornspäne in Frankreich mit 10 oder 20 Prozent besteuert werden, hängt also davon ab, ob das konkrete Produkt für den Ökolandbau zugelassen ist. Umgekehrt kann auch ein mineralischer Dünger ermäßigt sein, wenn er diese Zulassung hat.
Italien, Spanien und Polen: fast alle Dünger ermäßigt
Italien (4 Prozent), Spanien (10 Prozent) und Polen (8 Prozent) ermäßigen Dünger weitgehend, mineralisch wie organisch. Blaukorn, das in Deutschland mit 19 Prozent besteuert wird, ist dort ermäßigt. Italien und Polen orientieren sich dabei nicht am Zolltarif, sondern an ihrem eigenen Düngemittelrecht. Was dort als Dünger gilt, ist deshalb immer wieder umstritten, in Polen auch vor Gericht.
Belgien: Auf die Mischung kommt es an
Belgien besteuert Dünger mit 6 Prozent, aber nur, wenn er nicht mit Pflanzenschutzmitteln gemischt ist. Für solche Mischungen galt bis Ende Februar 2026 ein Satz von 12 Prozent, seit dem 1. März 2026 sind es 21 Prozent. Ein Rasendünger mit Unkrautvernichter kann in Belgien also ganz anders besteuert werden als reiner Rasendünger.
Irland: Auf die Packungsgröße kommt es an
Irland gewährt einen Nullsatz nur für bestimmte Dünger in Gebinden ab 10 Kilogramm. Der 5-Kilo-Sack aus dem Gartencenter wird mit 23 Prozent besteuert, derselbe Dünger im 25-Kilo-Sack mit 0 Prozent. Hier entscheidet nicht der Inhalt, sondern die Verpackung.
Rumänien: auf 2032 schon vorbereitet
Mehrwertsteuer auf Dünger in Deutschland und Österreich
Deutschland und Österreich folgen derselben engen Logik, ihre Gesetze sind fast wortgleich. Ermäßigt sind nur tierische und pflanzliche Dünger, die nicht chemisch behandelt sind: in Deutschland mit 7 Prozent, in Österreich mit 13 Prozent. Guano ist in beiden Ländern ausgenommen, obwohl er im Zolltarif neben Hornspänen und Kompost steht.
| Produkt | Deutschland | Österreich |
|---|---|---|
| Hornspäne, Kompost, Stallmist (unbehandelt) | 7 % | 13 % |
| Guano | 19 % | 20 % |
| Organischer Dünger mit Zusätzen oder chemisch behandelt | 19 % | 20 % |
| Mineral- und Mehrnährstoffdünger, z. B. Blaukorn | 19 % | 20 % |
| Kalkdünger | 19 % | 20 % |
Wie schnell die Ermäßigung verloren geht, zeigt die Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs: Schon geringe Beimischungen wie Gips können einen organischen Dünger aus dem ermäßigten Satz herausfallen lassen. Wer die Rezeptur eines Produkts nicht kennt, kann den Satz also nicht sicher bestimmen.
Ein Sack Hornspäne wird in Deutschland mit 7 Prozent und in Österreich mit 13 Prozent abgerechnet. Ein Sack Blaukorn liegt in beiden Ländern beim vollen Satz, wäre aber in Italien, Polen, Portugal oder Spanien ermäßigt. Für Händler aus dem DACH-Raum ist das eine typische Fehlerquelle: Sie übertragen die heimische Logik auf andere Zielmärkte.
Stichtag 2032: Was sich für Dünger ändert
Ein falscher Steuersatz kann teuer sein
Dünger automatisch richtig klassifizieren
Häufige Fragen zur Mehrwertsteuer auf Dünger
Ausblick: Teil 2
Rechtsgrundlagen
– EU: Anhang III Nr. 11 der Mehrwertsteuersystemrichtlinie in der Fassung der Richtlinie (EU) 2022/542 (Stichtag 1. Januar 2032)
– EU-Produktrecht: Verordnung (EU) 2019/1009 über EU-Düngeprodukte
– Zolltarif: Kapitel 31 der Kombinierten Nomenklatur, Positionen 3101 bis 3105
– Deutschland: Nr. 45 der Anlage 2 zum UStG
– Österreich: Z 8 der Anlage 2 zum UStG 1994
– Italien: consulenza giuridica Nr. 4 vom 30. August 2024
Stand: September 2026. Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung im Einzelfall.





